Stern kauft Zschäpe-Tagebücher

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Wie ein offenes Buch: Tagebuch

Das, was wie ein Krimi erscheint, könnte die Sensation des Jahrzehnts werden. Ein Stern-Reporter gelangt über einen Verbindungsmann an die Tagebücher der NSU-Angeklagten Beate Zschäpe. Erinnerungen werden wach · HAMBURG|ndw

[dropcap]D[/dropcap]ie sensationelle Entdeckung machte Harald Geidemann bereits vor einigen Monaten. Sein überdurchschnittliches Interesse am laufenden Gerichtsverfahren gegen Beate Zschäpe und ihre Helfer ließ ihn in Kreise eintauchen, die sonst kein Reporter zu sehen bekommt. „Trümmerteile, Zschäpe-Portraits, Kalbfleisch – dort wurde mit allem gedealt, was auch nur im Entferntesten die NSU-Story betraf“, wird Geidemann später erzählen. So bot man ihm eines Tages auch die Tagebücher der Hauptangeklagten an. Etwa zwei Millionen Euro wechselten ihre Besitzer.

Sollten sich die Bücher als Fälschung erweisen, wandern sie direkt zu den Hitler-Tagebücher ins Bundesarchiv nach Koblenz„, redet Geidemann sich ein, um sich vor euphorischer Verblendung zu schützen. Doch scheint alles auf Echtheit zu deuten. Dutzende Fotos im Innern – sie musste sie selbst in die Bücher geklebt haben – und Zschäpes Name auf dem Cover nehmen die letzten Zweifel. Ein Auszug aus dem Tagebuch bringt die verstörende Gefängniswelt der Angeklagten zu Tage:

Heute lief eine hinkende Maus an mir vorbei und ich musste unweigerlich an den Film „The Green Mile“ denken und daran, wie unrealistisch das war, wie der große Schwarze die Maus und andere Menschen einfach so heilen konnte. Werde das heute auch mal ausprobieren […]

Ich habe keine heilenden Kräfte. Die Maus ist wieder weg und ich werde wohl keine Strafmilderung bekommen und für ewig hier einsitzen müssen. Alle machen Fehler. Dieser Drohnen-Skandal ist ja auch mehr als peinlich. Aber Politiker trifft es ja nie – scheiß System. Was heute wohl im Fernsehen läuft?

Eigentlich wollte Geidemann das Prozessende abwarten, um mit den Büchern an die Öffentlichkeit zu treten, doch ein eingeweihter Kollege verriet seine Pläne unabsichtlich dem Vorstand. Der Hamburger Verlag Gruner & Jahr, dem der Stern angehört, ist noch nicht überzeugt: „Die Zschäpe lebt„, konstatiert der Pressesprecher und erinnert daran, dass nur Tagebücher von Toten, wie Thomas Mann oder Anne Frank, gewinnbringend seien. Allerdings waren es ausgerechnet die Aufzeichnungen des ebenfalls toten Hitlers, die dem Verlag 1983 jenen großen Skandal einbrachten. Man bleibt vorerst unentschlossen.

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Satirefed; Artikelbild: © brandbook.de, CC BY-SA 

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